Lebensfluten
Das Haus war ganz voll von den Zurüstungen zur morgigen Hochzeit. Besucher, Lieferanten, Lohndiener gingen aus und ein, Geschenke wurden gebracht, Sendungen abgegeben. Auf zusammengerückten Stühlen und Tischen ragte ein Montblanc von Ausstattungswäsche, mit breiten Feldern von weißen Tisch- und Bettlinnen, worauf ein Flockengekräusel von fein gefalteten Hemden und Leibchen, von duftigen Spitzenröcken und blütenweißen, gestickten Taschentüchlein wie frisch gefallener Schnee glänzte. Nirgends war mehr Raum zum Sitzen. Auf dem steifen Kanapee lag vorsichtig ausgebreitet das weiße Hochzeitskleid mit seinen schweren Atlasfalten, und drüber flockte hingehaucht der Brautschleier, ein lichtes, luftiges Gespinst aus Illusionstüll, leicht wie ein Hauch, zerreißlich wie das Glück. Nur sie selbst, die liebliche Thora, der Mittelpunkt des ganzen Getriebes, fehlte. Sie hatte der Konvenienz ein Schnippchen geschlagen und war, indessen die Geschwister bei geschlossenen Türen ein für die morgige Feier gedichtetes Stück probierten, zum Hause hinausgeschlüpft, um sich heimlich von ihrem Axel zu einer Nachenfahrt entführen zu lassen. Die beiden wollten noch einmal die Poesie ihrer jungen Liebe auskosten. Das morgige Fest war das Fest der Tanten und der Schwiegermütter, nicht das ihrige. Und dann wurden die zwei Füllen ins Joch gespannt, damit er dem Staat diene und sie dem Hauswesen. Morgen mußten