Chapter

Langeweile

»Ein gescheiter Mensch langweilt sich nie!« Das ist auch so eine Fabel. Natürlich will man dann nicht eingestehen, daß man das dummheitsbeweisende Gefühl kennt, und langweilt sich nur im geheimen. So gewissermaßen lasterhaft. Wenn einem je ein einsichtsvoller Freund teilnehmend sagt: »Aber hörst du, Lieber, in deiner Einsamkeit muß dir doch manchmal die Zeit lang werden,« so nimmt der so Angeredete ein erstauntes Gesicht an, als höre er zum erstenmal im Leben, daß ein solcher Fall möglich sei, und antwortet: »Mir? – O nein – Wenn man sich zu beschäftigen weiß ...« Der andere schämt sich sodann, daß er auf der Fähigkeit, sich zu langweilen, etwa ertappt worden, und beeilt sich zu erwidern: »Ja, du hast recht, wenn man sich beschäftigt ... Lektüre, Studium, Arbeit ... mir werden die Tage auch immer zu kurz.« Reine Heuchelei! Der Mensch weiß so gut wie ich und jeder andere, wie im Leben die Stunden dahinschleichen können, matt und grau und bleiern – ja, ich glaube, es heißt »bleiern«. Unter Blei stellt man sich gewöhnlich doch etwas so Drückendes, Schwerfälliges und Glanzloses vor, wie langweilige Stunden und Tage dies eben sind ... Dazu kommt noch eine Ideenverbindung mit den Bleidächern von Venedig, welche das Jämmerliche an dem Bilde verstärkt. Wer hat es nicht einmal empfunden, was es ist, die Stirn an die Fensterscheiben drücken und in einen Landregen hinausschauen, dann sich

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