Kurier des Präsidenten
Professor Jules Delacoste, Privatdozent der Medizin an der Universität Lausanne, schloß sein Vormittagskolleg. Seine Hörer und Hörerinnen nahmen ihre Bücher und Kolleghefte auf und drängten nach der Tür. Die männlichen Studierenden hatten es offensichtlich eiliger als ihre weiblichen Kommilitonen. Der Frühschoppen der Verbindung Italia im Café Vaudois oder die Vormittagszusammenkunft der Frankonia im Hotel de la Paix lockte die letzteren nicht, außerdem suchte jede von ihnen noch einen freundlichen Blick oder wohl gar noch ein paar liebenswürdige Worte des beliebten Dozenten zu ergattern, denn Delacoste, für den sie alle schwärmten, war jung und ledig und hatte so gar nichts von der sprichwörtlichen Zerstreutheit und dem Sichgehenlassen des Universitätsprofessors an sich. – Delacoste war inzwischen zu einem neben dem Seziertisch angebrachten Waschbecken getreten. »Ah, Mademoiselle Brentano«, sagte er zu einem jungen Mädchen in weißem Mullkleide, das gerade am Arm einer anderen Studentin den Hörsaal verlassen wollte. »Darf ich Sie noch einen Augenblick zurückhalten?« »Gern, Herr Professor«, erwiderte die Angeredete freundlich lächelnd, indem sie ihre Ledermappe vor sich auf die Bank niederlegte; dann tauschte sie einen kurzen Blick mit ihrer Begleiterin. »Erwarte mich draußen, Leonie!« sagte sie leise in deutscher Sprache. »Mache es kurz und schmerzlos«, sagte diese ebenso. »Ich