Brief 1 - Walter an Gottfried
Von August Lienhardt. Als wir zusammen, mein lieber Gottfried, Italien durchzogen, vom Schnee der Alpen bis zu den Gluthen des Vesuv, von den gletschergenährten Fluthen des Po bis zu jenem Gestade Hesperiens, wo wirklich „die Citronen blühn, im dunklen Laub die Goldorangen glühn“, da lachtest Du oft über Deinen scheuen Walter, und nanntest ihn – Weiberfeind! Denn nicht die feurigen Blicke der Venetianerin, nicht der schleierumwobene Alabasternacken der Tochter Mailands, nicht das stolze Profil der Römerin vermochte den Spröden zu rühren! Und während Du unter den Blumen des blüthenreichen Landes wie ein Schmetterling umherflattertest, fandest Du kaum ein mitleidiges Achselzucken für Deinen Freund, der nur Augen hatte für die Ebenbilder längst vermoderter Schönheiten. Ach, mein Herzensfreund, wie ist das anders geworden! Wohin ist all mein Weiberhaß? Doch höre Alles vom Anfang an. Ich hatte bereits eine Woche in den Räumen des Glaspalastes zu München der Besichtigung der Kunstausstellung gewidmet. Meine Seele hatte geschwelgt in den erhabensten Geistesproducten eines halben Jahrhunderts. Ich warf noch einen letzten Scheideblick auf Schwind’s „Sieben Raben“, als ich in meinem Sinnen plötzlich vom Wohlklang einer weiblichen Stimme aufgescheucht wurde, welche ihre Bewunderung über das seltene Kunstwerk aussprach. Ich sah auf und sah eine junge Dame neben einem im kräftigen