16. Nov. 1919
Ibsen schrieb einst an Brandes: »Ueberhaupt gibt es Zeiten, da die ganze Weltgeschichte mir wie ein einziger großer Schiffbruch erscheint – es gilt sich selbst zu retten!« Schiffbruch überall, das ist die Grundstimmung seines Lebens und: wie retten wir uns? die Grundfrage seiner Werke gewesen. Keiner hat stärker empfunden, was aus dem Menschen werden könnte, keiner schmerzlicher, was dem Menschen unterschlagen wird, keiner grimmiger, wer es ist, der uns um uns selber betrügt: er wußte, daß der Staat, unter welchem Namen, in welchen Masken immer, die Seelen frißt, daß er uns keine Wahl läßt, als indem wir uns ihm ergeben, uns selber zu vernichten oder aber, um unser selbst mächtig zu werden, ihn, und daß es also für einen Mann, der sich nicht verraten oder doch verleugnen will, gar kein anderes Verhältnis zum Staat gibt, als das der Revolte. Wenn Ibsen uns mehr als eben auch wieder bloß ein artiges Geistesspiel gewesen wäre, hätten wir uns niemals einbilden können, Freiheit sei gewonnen, sobald der alten Staatsmaschinerie nur ein neuer Hut aufgesetzt und ihren Fängen ein rotes Tuch umgehängt wird, und mein lieber, herzensdummer Freund Egon Erwin Kisch, Journalist, Dichter, Soldat, Rotgardist und allerweil Prophet, wäre nicht so verdutzt, sich jetzt in der glorreichsten aller Republiken unversehens, wie mir aus Wien geschrieben wird, nach der berühmten kaiserlichen Verordnung von