Chapter

Der Kuester

Anton war seit dreißig Jahren Küster im Kölner Dom, und er hatte in diesen dreißig Jahren Dinge gesehen, die er niemandem erzählen konnte, weil niemand sie glauben würde. Die Geister des Doms waren keine schwebenden Laken und keine durchsichtigen Damen in weißen Kleidern. Sie waren älter und fremder, Wesen aus einer Zeit, als auf dem Domhügel noch kein Stein stand und die Menschen Götter verehrten, die keine Namen hatten, die man aufschreiben konnte. Sie lebten in den Fundamenten, in den Ritzen zwischen den Steinen, in den Schatten der Pfeiler, die so hoch waren, dass das Licht sie nie ganz erreichte. Tagsüber schliefen sie, und nachts kamen sie hervor und wanderten durch das Kirchenschiff, geräuschlos und langsam, und berührten die Wände mit Händen, die aus Dunkelheit bestanden. Anton kannte sie alle — den Großen, der sich an den Gewölben entlangzog wie eine Fledermaus, die Kleinen, die zwischen den Bänken spielten, den Alten, der auf dem Bischofsstuhl saß und auf etwas wartete, das nie kam. Sie taten niemandem etwas. Sie waren wie Mitbewohner, die man nie eingeladen hatte und die man nicht loswerden konnte, weil sie länger da waren als das Haus, in dem man wohnte. Anton hatte gelernt, mit ihnen zu leben, und sie hatten gelernt, mit ihm zu leben, und dreißig Jahre lang hatte dieses Arrangement funktioniert.

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