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Auf der Fraueninsel

Orte haben, gleich den Menschen, ihre Geschicke. Mitunter zieht sich das Leben vor ihnen zurück, dann überschüttet es sie wieder mit unerwarteten Gaben, zuströmendem Neuen. Sie können sogar sterben. Meist ist es aber nur ein Scheintod, und aus Grabesruhe und Verlassenheit quillt urplötzlich frisches, volleres Dasein hervor. Man könnte ihre Biographie schreiben. Das geschieht auch mitunter, wenn sie der gewaltige Gang der Weltgeschichte im Vorüberstreifen berührt, oder gar einen Augenblick in ihrem Umkreise gerastet hat, aber nur selten finden sie ihren Chronisten. Und doch bergen diese „Stillen im Lande“ mehr eigenthümliches Leben, als manche Orte, deren Namen die Fama mit schallender Trompete in die Welt hinausposaunt. Eine solche durch Natur und Geschick begrenzte Stätte ist der Schauplatz unserer Erzählung. Inmitten eines der schönsten bairischen Seen liegt eine Insel von so mäßigem Flächenraum, daß sich ihr ganzer Bering im Laufe einer halben Stunde umschreiten läßt. Seit dort vor grauen Zeiten ein Nonnenkloster erbaut worden, dessen erste Aebtissin eine Königstochter war, hat die Fraueninsel manche Wandlung erfahren: Jahrhundertelang war sie der Mittelpunkt geistlichen Besitzthums, das sich unter der Herrschaft kluger Frauen vielfach mehrte, bis die Ungunst der Zeiten das Erworbene wieder losriß, um endlich im Beginn unseres Säculums die Pforten strenger Clausur völlig zu

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