Lernen
Ich bin geboren im September des Jahres 1857, als ein verspätetes Augustgewitter das enge Waldtal der Ilfis wie im Frühjahr mit dem Donner von krachenden Lawinen füllte und das Dorf Trubschachen mit Wasserstürzen fast ersäufte. Es will mir scheinen, als wäre der Lärm von diesem Morgen nicht mehr aus meinem Leben fortgegangen bis heute, wo ich, mit dreiunddreißig Jahren schon ein Greis, die Niederschrift beginne. Wie die Sonne damals noch fleißig die Gärten beschien, so hab ich freilich zwischendurch auch ein paar Dinge, soweit ich konnte, bis an die Grenze der Vollendung gebracht – warum ging es so schnell mit mir und warum kam ich nicht ins Alter wie die andern – nur hieße das wohl Maß und Inhalt meines Lebens verwechseln, wenn ich die paar radierten Blätter als Sinn und Ziel von soviel Aufwand betrachten wollte. Ich war das erste Kind von sechsen; doch wenn ich meiner Mutter glauben darf, und was berechtigt mich zu zweifeln, da mir die Sonne ihrer klaren Liebe allzeit den Weg beschien, hab ich ihr mehr zu schaffen gemacht als die fünf andern, von denen allerdings nur einer, der Eduard, ein Knabe war. Meine Mutter stand noch im Anfang ihrer Pfarrhelferei, als sie mich trug: und wenn ich mir ihr Bild betrachte – es ist längst blaß geworden und gibt die Schatten nur noch verblassen auf dem Silbergrund – wie sie mit breiter Krinoline neben meinem Vater dem Pfarrhelfer sitzt, der