Karl Kraus - Ein Charakter und die Zeit
Karl Kraus Ein Charakter und die Zeit »Die Volkszählung hat ergeben, daß Wien 2 030 834 Einwohner hat. Nämlich 2 030 833 Seelen und mich.« Indem mir dieses Rechenexempel des Karl Kraus durch den Kopf geht, erschrecke ich vor den achtzehn Jahren der »Fackel«, einer Wiener Zeitschrift. Ich sehe die Schrift aus der Zeit treten und sich ihr gegenüberstellen. Durch die Zeit geht ein Bruch; wer entkäme ihrer unheilbaren Zerstückelung? In der Schrift ist Zusammenhang; ihre einzelnen Buchstaben verbindet ein starker Zug und prägt sie zum Charakter. Diese einzige Erscheinung zwingt mich, sie furchtlos zu ehren. Ich war in den achtzehn Jahren nicht immer bei Karl Kraus gewesen. Wie viele Überraschungen hatte dieser leidenschaftliche Geist, als er sich entwickelte, dem Jüngeren geboten! Wie bewegte er sich im Zickzack der Widersprüche; oder schien nicht von der Stelle zu rücken, während wir zu laufen glaubten! Heute aber überrascht mich an ihm nichts so sehr wie die überlegene Deutlichkeit des innern Zusammenhanges. Und daß mein Weg so sicher zu ihm zurückgeführt hat! Nur der eine große Widerspruch blieb übrig, der mit diesem Menschen in die Welt gekommen zu sein scheint; oder den die Welt in diesem Menschen ohne Ende erregt. Aber es ist der uralte Widerspruch in Welt und Mensch, wenn auch in der Konstellation eines besondern Individuums und einer besondern Epoche sich entfaltend. Daß