Gefaehrliche Fragen
Lena wusste, dass sie sich auf dünnem Eis bewegte. Sie kopierte die Dokumente, verschloss die Originale wieder im Karton und tat so, als hätte sie nie in die falsche Kiste gegriffen. Zu Hause, an ihrem Küchentisch, breitete sie die Kopien aus und begann, die Fäden zu entwirren, die zwei Jahrzehnte lang verborgen geblieben waren.
Die Studentin Katrin Breuer war am siebenundzwanzigsten Februar auf dem Heimweg von der Universität verschwunden. Drei Tage später fand man ihre Leiche in einem Waldstück außerhalb der Stadt. Die Ermittlungen verliefen im Sand — offiziell. Inoffiziell, das zeigte das versteckte Gutachten, hatte man den Täter gekannt und sich entschieden, ihn zu schützen. Lena fragte sich, wie viele Menschen von dieser Entscheidung gewusst hatten und wie viele von ihnen noch lebten.
Am nächsten Morgen fand sie einen Zettel unter ihrem Scheibenwischer, als sie zu ihrem Wagen ging. Keine Drohung, keine Warnung — nur eine Telefonnummer und die Worte: Ich habe zwanzig Jahre auf jemanden wie Sie gewartet. Lena steckte den Zettel ein und blickte sich um. Die Straße war leer, doch sie hatte das sichere Gefühl, beobachtet zu werden — von Augen, die weder freundlich noch feindlich waren, sondern abwartend.