Käuze
Frau Langgut, die Schlosserswitwe, und ihr einziges Kind Ernst hatten zwar von Hause aus den beschwingten Sinn, der nicht tatenlos haften bleibt am Unabänderlichen. Aber wenn alle Freunde und Nichtfreunde jahrelang versichern, es sei ein betrübliches Mißgeschick, ein herbes Schicksal, daß der Bub mit einem verkümmerten Fuß zur Welt gekommen sei, dann bohrt sich dieses beharrliche Gerede schließlich doch ein und fängt an, sein aussaugendes Schmarotzerwesen zu treiben. Als der Sohn ein hübscher Jüngling, ein stattlicher Mann geworden war, hatte sich in der Mutter die Meinung, ihr Ernst sei ein Benachteiligter, so stark herausgebildet, daß in all ihren mütterlichen Stolz ein kräftiger Schuß Mitleid einfloß. Davon war es abzuleiten, daß in das Zusammenleben der beiden eine Art Knochenerweichung kam. Ein Mangel an Kraft und an Reibung, wie sie nötig ist, wenn man den rechten Nutzen voneinander haben soll. Ernst Langgut war ein guter Zeichner und hatte ein großes Geschick in den Händen, als sollte dadurch die Plumpheit und Hilflosigkeit seines einen Fußes wettgemacht werden. Manchen verschwiegenen Traum von Künstlerschaft träumte der Knabe, und 6 er verband damit die Vorstellung von etwas ganz Heiligem und Hohem. Aber seine Mutter, der alles Künstlerische ans Seiltänzerhafte und Scheunenpurzlerische anstreifte, schlug ihm vor, Damenschneider zu werden und so leicht eine Menge Geld zu