Jungfer Modeste
Man schreibt Weltgeschichte – aber die eigentliche Geschichte der Menschen, die intime Geschichte der Seelen liegt wie verhüllt; Einer suchte sie dem Andern zu verbergen und dann wundern sie sich, wenn sie fremd und kalt nebeneinander hergehen – fremd und kalt, als gingen sie sich nichts an. Hie und da lüftet sich der Schleier, dann schauen wir wie gebannt hin, als wär's unsere eigene Geschichte, die dort spielte; als wär's uns aus dem Herzen geschrieben und wir merken, was wir nie vergessen sollten: daß wir Brüder und Schwestern sind, blutsverwandt, seelenverwandt, in Leiden und Freuden uns nah. Fast immer werden wir Den liebgewinnen, der sich uns zeigt, wie er sich Gott zeigt – wie sich die Kinder Einem zeigen, und darum bring' ich dies Bruchstück, das ich heut' fand und das sonst ebensogut in dem alten Schrank hätte vermodern können. Ich kenne sie nicht, die es schrieb; sie ging wol vorüber wie der Tropfen im Meer. Aber auch der Tropfen erquickt vielleicht Einen oder den Andern, es gibt viel Dürstende in der Welt. »Jungfer Modeste« stand in goldenen Lettern auf dem verblichenen Büchelchen. Sie blitzen nur so verstohlen, als wollten sie sagen: zu dem Namen paßt es nicht recht; aber da wir echtes Gold sind, müssen wir glänzen. Hier fängt es an. – Man nannte mich die alte Kindermuhme; ob ich je jung gewesen, ich weiß es nicht – so viel besinn' ich mich nur, daß ich immer noch