Der Vorzugsschuler
Des Brieftragers Andreas Wanzls Sohnchen, Anton, hatte das merk-wurdigste Kindergesicht von der Welt. Sein schmales, blasses Gesicht-chen mit den markanten Zugen, die eine gekrummte, ernste Nase noch verscharfte, war von einem aufterst kargen, weissgelben Haarschopf ge-kront. Eine hohe Stirn thronte ehrfurchtgebietend uber dem kaum sichtbaren weissen Brauenpaar, und darunter sahen zwei blassblaue, tiefe Auglein sehr altklug und ernst in die Welt. Ein Zug der Verbis-senheit trotzte in den schmalen, blassen, zusammengepressten Lippen, und ein schones, regelmassiges Kinn bildete einen imposanten Ab-schluss des Gesichtes. Der Kopf stak auf einem dunnen Halse, sein ganzer Korperbau war schmachtig und zart. Zu seiner Gestalt bildeten nur die starken roten Hande, die an den dunn-gebrechlichen Handge-lenken wie lose angeheftet schlenkerten, einen sonderbaren Gegensatz. Anton Wanzl war stets nett und reinlich gekleidet. Kein Staubchen auf seinem Rock, kein winziges Loch im Strumpf, keine Narbe, kein Ritz auf dem glatten, blassen Gesichtchen. Anton Wanzl spielte selten, raufte nie mit den Buben und stahl keine roten Apfel aus Nachbars Garten. Anton Wanzl lernte nur. Er lernte vom Morgen bis spat in die Nacht. Seine Bucher und Hefte waren fein sauberlich in knatterndes weisses Packpapier gehullt, auf dem ersten Blatte stand in der fur ein Kind seltsam kleinen, netten Schrift sein Name.