Iris und Genziane
Der Doctor der Philosophie Friedrich Lautenschläger war der Sohn eines sehr vermögenden Mannes und lediglich zu seiner geistigen Ausbildung vier Jahre lang auf der Universität Hörer in verschiedenen Fächern der philosophischen Fakultät gewesen. Nach dem frühen Tode seines Vaters hatte er sich noch jung sehr glücklich verheiratet, in der Nachbarschaft einer größeren Provinzstadt ein hübsches Landgut gekauft und lebte dort, mit Privatstudien mancher Art beschäftigt, als ein unabhängiger Mann völlig seinen Vergnügungen nach. Besondere Vorliebe verwandte er auf die Pflege seines großen Gartens und kehrte von häufigen ausgedehnten Fußwanderungen in der Umgegend niemals zurück, ohne dies oder jenes seltene Gewächs zum Einpflanzen mit heimzubringen. Begünstigt wurden derartige Funde durch die geographische Lage seines Besitztums; der Blick reichte vom Hause bis zu einem Teil der Alpenkette hinaus, und wenn diese auch ein halbes Dutzend von Meilen entfernt lag, so trugen doch Wasserläufe mannigfachen Samen alpiner Blumen mit ins Vorland herunter, wo diese sich unter ihnen zusagenden Bedingungen da und dort dauernd ansiedelten. Die Auffindung solcher bereitete Lautenschläger stets eine Hauptfreude, und am meisten war er eines Frühlingstages entzückt, als er an einem Bachrand unter entholztem Waldabhang Blätter und Knospen der droben im Hochgebirge heimischen großen stengellosen Genziane