In sengender Gluth
„Halten Sie ein, Tante! Ich ertrage es nicht, das zu hören, und sage Ihnen, daß ich Sie hassen werde, wenn Sie Ihre Worte wiederholen!“ Die Anrede galt einer älteren Dame, deren etwas grämliches Gesicht in diesem Augenblick einen erschrockenen Ausdruck annahm, während die Wangen des schönen, jungen Mädchens, welches die Worte gesprochen hatte, bleich vor Zorn waren und seine kleinen Hände sich krampfhaft zusammenzogen. „Aber, Rosalie, ich begreife kaum, was ich gethan, womit ich Dich gekränkt habe!“ stotterte die Erstere endlich. „Sie haben angegriffen, was mir heilig ist!“ erwiderte das junge Mädchen mit einem Ton, in welchem die bittere Erregung mit dem Schmerz kämpfte, und dabei zuckte es um den feinen Mund wie von verhaltenem Weinen. Die Entgegnung, welche der alten Dame eben auf der Zunge schwebte, wurde durch das unerwartete Eintreten eines Dritten abgeschnitten, der in diesem Augenblick auf der Schwelle erschien. Es war ein Mann, der in der ersten Hälfte der Dreißiger stehen mochte und dessen Gesicht, wenn es auch nicht gerade schön zu nennen war, doch einen unendlich angenehmen Ausdruck von Güte und Wohlwollen trug. Der erste Blick verrieth ihm, daß etwas zwischen den beiden Damen vorgegangen war, wie er denn auch die letzten Worte Rosaliens gehört haben mußte, und während das Mitleid mit dem Kummer des schönen jungen Geschöpfes in seinen Zügen offenbar wurde, trat er