Die Begegnung
»So! Das wäre fertig!« Sie legte die Hefte, die sie eben durchgesehen hatte, beiseite und rief durch die offene Tür: »Frau Gründler, sind Sie mit Ihrer Arbeit in der Küche bald fertig?« Ein schwerfälliger Tritt ließ sich hören, und eine behäbige, sauber gekleidete Frau erschien auf der Bildfläche. »Ich wollte eben den Schlüssel bringen, Fräulein Anna. Sie gehen doch sicher noch ein wenig spazieren, Sie müssen ja ganz steif von dem vielen Sitzen sein!« Anna lachte. »Sie kommen wohl nicht in die Verlegenheit, Frau Gründler. Aber Sie haben recht. Wenn man morgens Schule gehalten und nachmittags einen Stoß Arbeiten durchgesehen hat, muß man mal ins Freie. Also auf morgen!« Mit diesen Worten verabschiedete sie ihre Aufwärterin und stand, während sie den Mantel zuknöpfte, am offenen Fenster und erfreute sich an der schönen Aussicht. Der Anblick war ihr lange vertraut, denn sie wirkte als Leiterin einer Privatschule schon eine Reihe von Jahren in Falkenau. Sie hatte sich damals dieses Haus wegen seiner schönen Lage ausgesucht und auch zwei passende Schulräume im gleichen Haus gefunden. Anna liebte die Natur, sie liebte die bewaldete Bergkette die sich in blauer Ferne vor ihr ausdehnte, die zu ihren Füßen liegende Kleinstadt mit ihren roten Dächern und grünen Bäumen, den Fluß, der sich wie ein Silberfaden durch Felder und Wiesen schlängelte. »Ja, schön ist's hier«, sagte sie halblaut