Erstes Kapitel
Als halbwüchsiges Mädchen hatte sich Ilse in einen Leutnant verliebt. In Deutschland ist der erste beinahe immer ein Leutnant. Dieser war Dragoner. Was Wunder also, daß zu jener Zeit der Himmel Ilse besonders schön dünkte, mahnte er sie doch an eine geliebte blaue Uniform; was Wunder auch, daß sie, wenn die ersten Sterne zu funkeln begannen, flugs nach dem Orion suchte – dies ferne Gestirn erschien ihr ja nur wie das himmlische Abbild einer glänzenden Schärpe und zweier Epauletten und Sporen, das eigens für sie allabendlich am nachtblauen Himmelszelt angezündet wurde! – Den Leutnant unter den Sternen kannte Ilse viel besser wie den lebenden Leutnant auf Erden. Diesen kannte eigentlich nur Papa, vom Club her, wo sich abends die Herrenwelt des Städtchens traf – und da er Papa grüßte, hatte es sich allmählich so gemacht, daß er auch Ilse grüßte. In jenem fernen Frühling stand Ilse viel an den Fenstern des Eckhauses der Reh- und Breitenstraße, das sie mit ihrem alten Vater und dem alten Hausfräulein Greiner, genannt Greinchen, bewohnte. Gegenüber erstreckte sich ein weiter Garten voll blühender Büsche und hoher rauschender Räume, und in einem umgitterten Gehege dicht an der Straße liefen da viel zahme Rehe und Hirsche umher; furchtlos streckten sie das schwarze feuchte Geäse zwischen den Stäben hervor, ließen sich füttern und auf der braunen weichen Decke streicheln. Ilse hatte