Chapter

Ich war gebunden, als ich dich sah

Elisabeth hat keine Zeit, sich in der elegant ausgestatteten Halle des Schlosses Wolfeck, das von heute an ihren Aufenthaltsort bilden soll, umzusehen. Kaum hat sie die Schwelle überschritten, tritt ein schwarzgekleidetes Mädchen mit weißer Latzschürze und ebensolchem Häubchen auf sie zu und sagt: »Fräulein Benedikt, die neue Erzieherin, nicht wahr?« »Ja, die bin ich …« »Wir haben Fräulein schon dringend erwartet, und die gnädige Frau läßt Fräulein ersuchen, sogleich nach Ihrer Ankunft zu ihr zu kommen. Ich werde mir erlauben, Fräulein zur gnädigen Frau zu führen. Ich bin Anna, das erste Stubenmädchen.« »Gut, Anna, wir wollen nachher gleich zur gnädigen Frau gehen. Nur den Reisestaub muß ich vorher abspülen und die Kleider wechseln. Wo ist mein Zimmer?« »Fräulein verzeihen, aber die gnädige Frau befahl ausdrücklich: sogleich nach der Ankunft, und würde sehr ungehalten sein, wenn Fräulein sich erst noch umkleiden wollten vorher …« Elisabeth Benedikt runzelt die Stirn und preßt die schöngeschnittenen Lippen einen Augenblick fest aufeinander, als wollte sie ein scharfes Wort unterdrücken. »Führen Sie mich also zu Frau v. Schlomm,« sagt sie dann kurz und etwas hochfahrend. Man steigt die holzgeschnitzte Treppe, die von der Diele nach dem ersten Stockwerk führt, schweigend hinauf und biegt nach rechts in einen breiten Korridor ab. Obwohl es erst drei Uhr ist, brennen alle Lichter,

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