Chapter

Holunderduft

Nicht weit vom letzten Haus von Schwarzenstein steht ein Brunnen mit flacher Schale, um dessen Rand bis tief hinein ins Wasser dickes grünes Flechten- und Mooswerk wächst. Ein dünner Strahl kommt mißmutig und schuckweise aus der Brunnenröhre, als sei es ihm zuwider, ans Licht zu treten. Hinter dem Brunnen steigt ein Rain an, an dem Holunder und wilde Rosen wachsen. Ein Kirschbaum, groß wie eine alte Eiche, trägt Tausende von winzigen, steinigen Früchten, die zum größten Teil die Vögel unter dem Himmel ernten. Im Frühsommer war's, und der Holunder blühte, als ich dereinst vor diesem Brunnen stand. Mütze und Band trug ich damals. Mütze und Band, denn auch mir war's Blütezeit, nicht nur den Hecken, die ringsum in ihren Farben standen. Ich gedachte nach langem Marsch in Schwarzenstein zu nächtigen, um in der Morgenfrühe weiter zu wandern. Die weite Hochebene lag im letzten Schein des gelbroten Glanzes, der tief im Westen verglühte. Ein paar Gespanne sah ich wie Silhouetten am Horizont, und an des weitverstreuten Dorfes Häusern flammte da und dort ein Fensterlein, als lodere ein heller Brand dahinter. Ich trank das stille friedensvolle Bild in mich und wandte mich dann dem Brunnen zu, um die heißen Hände in sein erfrischendes Naß zu tauchen. Dunkel schaute das Wasser aus der Schale mir entgegen. Wenn die langsam, wie zögernd ausgreifenden Ringe bis zum Rande herzogen, dann lief ein

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