Hinnerks Aufbruch in die Welt
Nahe bei Worpswede, am Rande der Heide, wohnte vor vielen Jahren eine Häuslingsfrau, die so neugierig war, daß sie nichts lieber tat, als hinter den Gardinen ihrer Stube am Fenster zu sitzen und auf die Dorfstraße hinauszusehen, ob sie nicht jemand gewahr würde, dem sie nachgucken konnte, sodaß die Leute sie Anntje Kiekut nannten. Anntje hatte einen Hahn, der unter allen Krähern im Dorfe die lauteste Stimme hatte, und da es ein alter Spruch ist: Wie der Herr, so's Gescherr!, war es nicht weiter verwunderlich, daß er ebenso neugierig war wie Anntje, denn wenn die Frau aus dem Fenster sah, reckte sich der Hahn auf die Zehenspitzen, machte einen langen Hals und hielt den Kopf ebenso schief wie Anntje Kiekut hinter ihrem Fenster. Der Hahn hieß Hinnerk. Je älter er wurde, desto unzufriedener wurde er. »Wie«, sagte er zu sich selbst, »habe ich nicht ein paar Sporen, so spitz wie Dolche, einen Mantelkragen wie ein Ritter, einen Schweif wie eine Fahne und eine Krone auf dem Kopfe? Jeder, der mich sieht, muß erkennen, wen er vor sich hat. Soll ich vielleicht mein Lebtag hier auf Anntjes Hof bleiben und Buchweizen fressen? Morgen am Tage mache ich mich auf und gehe in die Welt hinaus!« Als Anntje darum am andern Morgen die Tür zum Wiemen öffnete und er auf die rauchige, alte Lehmdiele hinabflog und auf den Hof hinauskam, fackelte er nicht lange, sondern schwang sich auf das Dach des