Die späte Hochzeitsreise.
Als sie neun Jahre verheiratet waren, machten sie ihre Hochzeitsreise. Es wäre nicht eher gegangen. Sie hatten ja geheiratet, als er ein Einkommen von 1600 Mark jährlich hatte. Das kann man Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe nennen. Zwar hatte er nach etwa einem Jahr ein Schriftstellerhonorar erhalten, für das sie hätten reisen können, wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort die Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten Jahre war es ihm gelungen, als Vorleser bei einem alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst zu erwerben, der gerade für das zweite Kind reichte. Da fiel ihm im dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zu, für den sie sicher eine Reise gemacht hätten, wenn das diesjährige Kind das Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten drei Jahre brachten keinen Nebenverdienst und nur ein Kind. Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis errang und als sein Gehalt» wieder« um zweihundert Mark erhöht wurde, und als ihre Ehe schon vier Jahre lang unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert Mark eine Reise nach Thüringen zu machen. 6» Deutschland ist das Herz Europas,« das hatte er als kleiner Junge in der Schule gehört. Es klang etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht' es immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, war er davon gehört und in Bildern gesehen hatte, das deutscheste Land der Deutschen, mußte das