Chapter

Kapitel 1

»Ännchen!« Gesang und Spiel in dem Salon verstummten; Ännchen erschien in der offenen Thür. »Riefst du mich?« »Der Abend ist zu schön, als daß man ihn –« »Durch schlechte Musik entweihen dürfte.« »Weil du einmal in der Begleitung g statt gis gegriffen hast?« »Das hast du gemerkt? Ich werde, in deiner Gegenwart nie wieder singen und spielen. Du hast ein unheimlich feines Gehör.« »Sage: unheimlich feine Sinne! So fühle ich ganz genau, daß es für dich hier um einen halben Grad zu kühl ist. Ich werde dir etwas holen lassen. Bitte, klingle! Du stehst gerade bei dem Knopf.« »Es ist wirklich nicht –« »Bitte!« Ännchen that, wie ihr geheißen. Beckys Kammermädchen erschien und erhielt den Auftrag, für Fräulein Guttmann ein Tuch zu bringen. »Und du selbst?« sagte Ännchen. »Ich brauche nichts. Ein altes Landmädchen!« »Von drei Jahren!« »Wieso: drei Jahren?« »Du lebst doch erst seit drei Jahren auf dem Lande.« Die Bemerkung schien Becky zu verdrießen. Zwischen den scharfgezogenen Brauen stand plötzlich eine feine senkrechte Falte, und aus den großen dunklen Augen schoß ein strenger kalter Blick; selbst der Ton ihrer Stimme war weniger freundlich, als sie, mit leichtem Achselzucken, schnell erwiderte: »Geboren bin ich freilich auf dem Lande nicht.« ›Sie ist fürchterlich empfindlich,‹ dachte Ännchen bei sich. ›Und ich habe doch gar nichts Schlimmes gesagt.‹ Marie kam mit einem Tuch. Beckys

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