Chapter

Heimat wider Heimat

Es war am 23. Juni achtzehnhundertsoundsoviel – die gelben Postkutschen fuhren noch viele Jahre –, genau um neun Uhr abends, als Anna Hagen, die bei Amtsrichter Mendels diente, an der Schwedenschanze spazierenging und dort den Burschen sitzen sah, der auf das träumende Städtchen im Grunde blickte. Sie wäre still, wie es sich für ein sittsames Mädchen gehört, vorübergegangen, hätte der Mensch nicht, ohne indes das Wort an sie zu richten, ganz laut gesagt: »Mein Gott, ist das schön!« Das tat dem Mädchen wohl, zumal der Ausruf ihrer Heimat galt. Da, wer so aus seines Herzens Tiefe heraus zu sprechen vermag, unmöglich ein schlechter Mensch sein kann, blieb sie stehen, tat, als hätte das Wort ihr gegolten, und sagte: »Ja, das ist wohl schön.« Dabei sah sie dem sitzenden Manne ins Gesicht. Die Stirn war weiß, glatt und schön gewölbt. Langes, schlichtes Blondhaar lag wohlgeordnet über dem schmalen Kopf. Zwischen versonnenen, kindlich gut blickenden blauen Augen stand eine grade, schmalrückige Nase, deren feine Flügel sich lebhaft bewegten. Unter der Nase prahlte auf der Oberlippe ein Schnurrbart, der allerdings etwas voller hätte sein dürfen. Der ganze Mensch erinnerte in seiner Feinheit und Sauberkeit an die Figuren, die in Frau Amtsrichters Glasservante standen und über die sie beide Hände hielt. »Fräulein,« sagte der Mann, ohne sich von seinem Platze an der blühenden Heckenrose zu

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