1. Kapitel
<br>Der Wind zerrte an Maries Haaren, als sie aus dem Auto stieg. Sie hätte eine Mütze mitnehmen sollen. Oder wenigstens einen Haargummi. Doch daran hatte sie in Frankfurt nicht gedacht. Dort, wo der Wind nur zwischen den Hochhäusern pfiff, aber niemals mit dieser ungebändigten Kraft über die Felder und Wiesen jagte.<br>Vor ihr lag das Haus. Ihr Haus.<br>Ein zweistöckiges Backsteinhaus mit weißen Fensterrahmen und einer Veranda, die bessere Zeiten gesehen hatte. Der Putz bröckelte an einigen Stellen, ein Fensterladen im Erdgeschoß hing schief, und das Gras im Vorgarten war so hoch wie ihre Stiefel. Das letzte Haus am Rand des Dorfes. Marie spürte, dass hier etwas auf sie wartete. Und das dass Haus etwas ganz Besonderes für sie bedeutete. <br>Marie zog den Mantel enger um sich und stieg die wenigen Stufen zur Haustür hinauf. Der Schlüssel war alt und schwer, er passte perfekt ins Schloss, doch es brauchte einen kräftigen Ruck, bis die Tür aufsprang. Der Duft von Staub und Meeressalz schlug ihr entgegen.<br>Das war also Tante Ingrids Reich gewesen.<br>Marie hatte ihre Tante nicht oft gesehen, nur manchmal in den Sommerferien, wenn ihre Eltern mit ihr aus der Stadt hierhergekommen waren. Ingrid war immer die eigenwillige, unkonventionelle Frau gewesen, die sich nicht um Konventionen scherte. Sie lebte allein, trug bunte Tücher und hatte eine Katze namens Aristoteles, die angeblich