Kapitel 1
# Kapitel 1
Der Durst war unbeschreiblich. Er quälte sie bereits so lange, dass sie jedes Zeitgefühl verloren hatte. In unregelmäßigen Zeitabständen standen in ihrer Zelle Krüge mit Flüssigkeiten – Wasser, Wein, Fruchtsäfte –, doch wenn sie etwas zu trinken versuchte, überkam sie ein unwiderstehlicher Ekel, ein Brechreiz, der ihr die Galle durch Mund und Nase heraus trieb und sie zwang, sich schmerzerfüllt am Boden zu wälzen. In den Phasen dazwischen versuchte sie, sich in ihre Erinnerungen zu flüchten, aber selbst das gelang ihr nur selten.
*Sie war so glücklich gewesen. Endlich, nach vielen Jahrhunderten, hatte sich der Geliebte entschlossen, ihrem Drängen nachzugeben. Stets hatte sie sich ihm verweigert, so sehr sie ihn auch begehrte. Sie ertrug es nicht, dieses ewige Kämpfen, den Krieg, die Schlachten. Als König von Lórinand, des »Blumen-Traumlandes«, war er seit vielen Jahrhunderten an maßgeblicher Stelle am Krieg gegen die Dunklen Horden beteiligt. Und sie wollte mit keinem jener Elben etwas zu tun haben, denen sie die Schuld an den dauernden Kriegen gab. Aber in ihn hatte sie sich verliebt, sich nach ihm gesehnt mit jeder Faser ihres Körpers, jedem Teil ihres Geistes, ihrer Seele. Und doch hatte sie ihm nicht nachgegeben – bis er nachgegeben hatte, sich entschlossen hatte, mit ihr gemeinsam Mittelerde zu verlassen.*
Wie lange sie schon im Dunkeln gelegen hatte, wusste