Gottes Annehmerin
Es war gerade am sogenannten ›Bußsabbath‹, der wie eine unerbittliche Wacht vor dem Eingange des großen Versöhnungstages steht, und der alte Rabbiner sollte eben seine Predigt beginnen. Oben vor der heiligen Lade stand ein mit einem weißen Tuche bedecktes Betpult statt der Kanzel. Seit achtundfünfzig Jahren war der alte Mann es gewohnt, an diesem Sabbath seine Gemeinde anzureden und sie für den ›furchtbarsten‹ aller Tage, den ›Jom Kippur‹, vorzubereiten. Vorerst wollte er jedoch die heiligen Thorarollen, woraus soeben der Wochenabschnitt vorgelesen worden war, der Lade zurückgeben; denn bei dieser Gelegenheit genoß er die Ehre des ›Aus- und Einhebens‹ der pergamentenen Gottesbücher. Langsam schritt er die Stufen hinan; schon wollte seine Hand den schweren Vorhang zurückschieben, der die heilige Lade bedeckt, da taumelte er, die Thorarolle entsank seinem Arme, und er stürzte an den Stufen nieder. Ein Schrei des Entsetzens tönte durch die ganze Gemeinde. Die zunächst Stehenden eilten hinzu; man hob den alten Mann auf, den man beschädigt glaubte; aber man überzeugte sich bald, daß ihm wunderbarer Weise kein Unheil widerfahren war. Nun erst legte sich die gewaltige Aufregung, die sich aller Gemüther, namentlich droben in der »Weiberschul'«, bemächtigt hatte. Die Thora wurde von einem Andern in die Lade gestellt; der Rabbi winkte Ruhe und stellte sich an das als Kanzel dienende