Überall Sorgen
1 Überall Sorgen Frau Bärbel Wendelin faßte noch einmal nach den Händen ihres kranken Töchterchens, streichelte sie und schaute dann zu dem Arzt auf, der die Kleine nochmals untersucht hatte.»Wann kommen Sie wieder, Herr Doktor?«»Heute abend, gegen acht Uhr. Ich glaube, meine liebe Frau Wendelin, Sie brauchen sich Ihrer Erna wegen nicht mehr große Sorgen zu machen. Das Fieber ist gefallen, Erna wird wieder Appetit bekommen; ich denke, unser Kleinchen springt in acht Tagen wieder im Zimmer umher.«»Ich bin Ihnen unendlich viel Dank schuldig, Herr Doktor. Ich glaube, ich habe Sie übermäßig belästigt. Mitunter mache ich mir Vorwürfe. Doch Sie wissen ja, meine drei Kinder sind mein Alles, seit ich meinen guten Mann verlieren mußte. – Wie geht es bei Ihnen daheim?«Dr. Kirschner, ein Mann von vierzig Jahren, mit einem sympathischen Gesicht, stieß einen schweren Seufzer aus.»Heute hat wieder das Kinderfräulein gekündigt, und die Amme, die ich für Klein-Ulla brauche, ist anscheinend auch nicht ganz zuverlässig. Ja, liebe Frau Wendelin, man muß die Zähne zusammenbeißen, sonst meistert man das Leben nicht.«Bärbel Wendelin, in ganz Heidenau»Frau Goldköpfchen«genannt, da ihr Haar auch heute noch den goldigen Schimmer hatte, schaute mit trübem Blick auf die schwarze Binde, die Dr. Kirschner am Arm trug. Vor mehr als einem Jahr hatte sie ihren geliebten Harald hergeben müssen, für andere