Chapter

Aufruhr im Ort

Frau Barbara Wendelin saß am Fenster der Wohnstube; aber die blauen Augen schweiften nicht hinaus in die sommerliche Landschaft, sie schauten vielmehr tiefsinnig in die große Flickentruhe, die neben der jungen Frau stand. Was lag nicht alles darin! Knabenanzüge, einige Mädchenkleider, Wäschestücke und Strümpfe, Strümpfe, Strümpfe! »Wie können drei Kinder so viel Strümpfe zerreißen!« Das war der Stoßseufzer, mit dem Frau Bärbel ein neues Paar Kinderstrümpfe zur Hand nahm, um an die Ausbesserarbeit zu gehen. »Wenn sie doch erst wieder zurück wäre, meine gute Frau Leuschner!« Der Ausruf galt der treuen Kinderfrau, die Bärbel seit Jahren im Hause hatte. Kurz nach der Geburt des zweiten Sohnes hatte man Frau Leuschner in die Villa nach Heidenau verpflichtet, seit sieben Jahren sorgte Frau Leuschner unermüdlich dafür, daß die drei Kinder der Mutter nicht gar zu viel Mühe machten. Frau Leuschner meinte selbst, daß mitunter acht Kinder nicht so viel zerrissen, nicht so viel Lärm und Unruhe machten wie allein die beiden Buben des Oberingenieurs Wendelin. Hermann und Jürgen waren so ziemlich in ganz Heidenau bekannt. Die beiden hübschen, blonden Knaben, die mit so hellen Augen in die Welt schauten, wußten immer etwas Neues, und obwohl sich Frau Bärbel die größte Mühe gab, ihre Kinder zu sittsamen und bescheidenen Menschlein zu erziehen, ging mit den Knaben immer wieder das Temperament

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