Vorbereitung
Barbara Wendelin stand am Fenster ihrer Wohnung und blickte hinaus in den Garten. Die ersten Anzeichen des Herbstes machten sich bemerkbar. Das Laub der Bäume begann sich rot zu färben, und der Wind in der vergangenen Nacht hatte manches Blatt herabgerissen. Das Zerstörungswerk der Natur begann. In dem schwarzen Kleid, das die schlanke Gestalt der jungen Frau umschloß, sah Bärbel Wendelin noch blasser und elender aus. Die Schatten, die um ihre Augen lagen, wollten nicht weichen. Auch die tiefen Linien um den Mund, die ein paar düstere Maientage in das zarte Gesicht gezeichnet hatten, schienen im Laufe des Sommers noch sichtbarer geworden zu sein. Der schlanke Körper erschauerte in dem Gedanken an den schweren, unersetzlichen Verlust, den die junge Frau erlitten hatte. Wie konnte man den Maienmonat als etwas Herrliches preisen? Er hatte ihr fast alles genommen, was ihr das Leben an Glück bescherte. Ihren Harald! Ihr Häschen! Niemals mehr legte er den Arm um ihre Schulter, niemals mehr zog er ihren blonden Kopf an seine Brust, von seinen Lippen klang nie mehr das zärtlich geflüsterte: »Goldköpfchen, mein Goldköpfchen!« Sie hatte ihn verloren, man hatte ihn in die Erde gesenkt, die Erde gab ihr den Gatten niemals zurück. Wie unfaßbar das war! Beinahe ein halbes Jahr war seit dem entsetzlichen Unglück verstrichen, und noch immer begriff die junge Witwe das Wort nicht: ›er ist dir