Das Dorf Surley und seine Bewohner
Eine Erzählung aus dem Engadin. Von Ernst Pasqué. Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts war Surley die bedeutendste Ortschaft im oberen Engadin, im Bereich der Seen von Sils, Silvaplana und Campfèr, welche dort, rings umgeben von starrenden Gletschern und Felshäuptern, in das Hochthal eingebettet sind. Silvaplana zählte damals nur wenige Bewohner, die sich auf dem Geschiebe des vom Julier herabfließenden Wildbaches angesiedelt hatten. Die einzelnen Ortschaften waren durchaus unabhängig; sie schufen sich ihre Satzungen selbst, denn „nächst Gott und der Sonne war jeder gemeine Mann seine eigene Obrigkeit“, wie ein alter Spruch der Engadiner besagte. Doch um der Ordnung und des Friedens willen fügten sie sich auch einer selbstgewählten Obrigkeit, ihrem „Dorfmeister“, dem „Cavig“. Mehrere Ortschaften vereinigten sich zu einer Pfarrgemeinde, die sich wiederum einen Ammann wählte, der mit geschworenen Leuten jede ernstere Streitigkeit der Dörfler zu schlichten hatte. Eine solche Pfarrgemeinde bildeten im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die Dörfer und Dörfchen Islas (Isola), Sils-Baseglia, Sils-Maria und Silvaplana, mit Surley als Hauptort. Zum Ammann hatte die Pfarrgemeinde den dortigen Bauer und Cavig Gian Madulani gewählt, der als der reichste Mann der ganzen, im Grunde recht armen Thalgegend galt. Madulani war ein hochgewachsener Fünfziger von gewaltiger Körperkraft,