Die Letzte Schwelle
Der Riss am Horizont war gewachsen. Er erstreckte sich nun vom nördlichen Gebirge bis zum Meer, ein klaffender Spalt in der Wirklichkeit, aus dem ein Wind wehte, der nach Asche und vergessenem Regen roch. Die ersten Gestalten traten hindurch — nicht Götter, noch nicht, sondern ihre Vorboten, Schatten mit zu vielen Gliedern und Augen wie erloschene Sterne.
Thyra stand auf dem Hügel vor Eisengrund, das Schild am Arm, und hinter ihr die Menschen, die geblieben waren — nicht viele, aber genug. Der Wanderer stand neben ihr, und zum ersten Mal sah sie, wer er wirklich war: nicht ein Gott, sondern der letzte Diener der alten Ordnung, der einzige, der sich erinnerte, wie die Welt gewesen war, bevor die Götter sie zu ihrem Spielfeld gemacht hatten.
Als der erste der Alten durch den Riss trat — ein Wesen aus Stein und Feuer, dessen Schritt die Erde zum Beben brachte — hob Thyra das Schild. Das Licht, das von ihm ausging, war nicht blendend, sondern still, wie das Licht einer Kerze in einem dunklen Raum, und doch hielt es die Finsternis auf. Sie wusste nicht, wie lange sie standhalten konnte. Sie wusste nur, dass jeder Augenblick, den sie gewann, ein Augenblick war, in dem die Welt noch existierte, in dem Kinder schliefen und Flüsse flossen und das Korn auf den Feldern wuchs. Und das war genug. Das musste genug sein.
