Gib mich frei
Lisa stand in dem langschleppenden weißen Brautkleide vor dem Spiegel. Vor zwei Stunden war sie auf dem Standesamt nach Recht und Gesetz die Gattin des Barons Ronald von Stolle-Hechingen geworden. Nun sollte die kirchliche Einsegnung der Ehe stattfinden. Lisas Tante, Frau Konsul Limbach, stand vor ihr und betrachtete sie durch ihre Stiellorgnette mit kritischen Blicken. Sie gab der Jungfer, die noch um Lisa beschäftigt war, in vornehm lispelndem Ton Anweisungen, was noch an dem Kleide geordnet werden mußte. Lisa selbst sagte kein Wort dazu. Sie stand in gerader, gezwungener Haltung da und blickte mit großen, verträumten Augen in den Spiegel. Ein scheues, verklärtes Lächeln huschte zuweilen um ihren Mund, und leise Seufzer entstiegen ihrer Brust, als sei sie zu eng für das, was sie empfand. Sie war keine Schönheit, die blasse, scheue Lisa. Ihre mittelgroße Gestalt war entschieden noch zu schlank und unentwickelt; die Linien entbehrten der Rundung. Dieser Eindruck wurde noch durch eine steife, gezwungene Haltung verschärft. In ihrem Wesen lag etwas Gedrücktes, Unselbständiges, wie man es bei Menschen findet, die sich nicht frei entwickeln konnten. – Ihr Gesicht war zu farblos und besaß wenig Reiz. Zwar hatte sie wunderschöne dunkelblaue Augen, reiches, braunes Haar und einen hübsch geschnittenen Mund; aber die Lippen lagen meist fest aufeinander, die Augen verbargen sich zu oft