Chapter

Gestohlene Gedanken

Gerhart Hellermann stand am Fenster, das er heruntergelassen und winkte der alten kleinen Dame, die da, trotz ihres unmodernen Seidenmäntelchens, vornehm und zierlich auf dem Bahnsteig stand, Abschiedsgrüße zu. Der Frau Sanitätsrat Hellermann liefen die dicken Tränen über die Wangen, so glücklich war sie, und wenn sie auch nur Augen für ihren Sohn hatte, der da im eleganten Sommeranzuge im D-Zug stand und ihr zulächelte, so sah sie doch nebenbei auch noch, daß der junge Herr auch von den andern bemerkt wurde, die auf dem Bahnsteig standen, und das waren natürlich alles gute Bekannte, denn man lebt nicht fünfzig Jahre in Eberswalde, wie Frau Sanitätsrat Hellermann, ohne von jedem gekannt zu werden und jeden zu kennen. Und wirklich wanderten staunende Augen von Sohn zur Mutter, und mancher Kopf wurde im Verborgenen geschüttelt, ob der seltsamen Tatsache – so hätte sich wirklich niemand den jungen Studiosus vorgestellt – so wahrlich nicht! Indessen gab der Zugführer das Abfahrtszeichen, Gerhart winkte noch einmal, dann warf er sich in den Polstersitz seines Zweiteklasseabteils. Obgleich es ein herrlicher Spätsommertag war, saß er völlig allein. Die Hauptreisezeit war vorüber. Er lehnte sich behaglich zurück und griff nach seiner Zigarrentasche – ein fast zärtlicher Blick ging darüber – es war eine funkelnagelneue rotbraune Juchtentasche, und mit einer gewissen

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