Das Dokument
Das Antiquariat lag in einer Seitenstraße in Mitte, eingeklemmt zwischen einem Nagelstudio und einem Spätkauf, und sah aus, als hätte die Gentrifizierung es übersehen. Hanna Kraft betrat den Laden, weil sie ein Geburtstagsgeschenk für ihren Vater suchte — einen alten Atlas, am besten einen aus der DDR, weil ihr Vater nostalgisch war auf die stille, widersprüchliche Art von Menschen, die wussten, dass das System falsch gewesen war, und trotzdem manchmal die Straßenbahn vermissten.
Der Antiquar war ein knorriger Mann Anfang siebzig, der seine Bücher kannte wie andere Menschen ihre Kinder. Er führte Hanna in den Keller, wo die Atlanten standen, und dort, zwischen einem Schulatlas von neunzehnhundertachtundsiebzig und einem Straßenplan von Ostberlin, fand sie einen Umschlag, der nicht dorthin gehörte. Er war aus braunem Packpapier, unfrankiert, und enthielt dreißig Seiten maschinengeschriebenen Text, der mit einem System verschlüsselt war, das Hanna nicht kannte.
Sie hätte den Umschlag zurücklegen sollen. Stattdessen steckte sie ihn in ihre Tasche, bezahlte den Atlas und ging nach Hause, wo sie die Seiten auf ihrem Küchentisch ausbreitete und den Mann anrief, der ihr in solchen Fällen immer half: Professor Wendt, emeritierter Kryptograph, der in den Neunzigern die Stasi-Akten entschlüsselt hatte und seitdem in einer Dachwohnung in Prenzlauer Berg lebte und Kreuzworträtsel löste,