I. Erstes Kapitel
Erstes Kapitel. Die Heldin unserer Geschichte, Agnes von Stein, war ein einziges Kind und besaß in vollem Maaße alle Vorzüge und alle Schwächen eines einzigen Kindes. Weil man ihr aus übergroßer Nachricht nie Zwang angethan, hatte ihre Natur sich frei entwickelt, und ihre kräftige Seele war wie ein unbeschnittener Baum in einem Urwalde der Tropenländer. Weil sie keine Brüder besaß, hatte nie ein roher Knabenscherz ihr jungfräuliches Ohr entweiht und ihr Gemüth war rein geblieben wie die Perle in der Schaale; weil nie ein anderes Wesen ihr vorgezogen worden, kannte sie keinen Neid, keine Eifersucht, und weil man ihr Alles gewährt hatte war Schenken und Geben ihre Seligkeit. Das sind die Vorzüge; wir kommen zu den Schwächen. Eben auch weil man ihr Alles gewährt, erschien ihr jedes Entsagen als ein Unglück; weil man ihr als Kind Niemand vorgezogen, dachte sie auch später nicht an die Möglichkeit zurückgesetzt werden zu können, und weil ihre Seele sich frei, ohne gemeistert zu werden, entwickelt, hatte sie auch nicht gelernt, ihre Einbildungskraft zu zügeln, bei ihren Urtheilen behutsam tiefer zu blicken, als es der erste Anschein ihr eingab, und dem verführerischen Zuge der Extreme gegenüber die große Lebenskunst des Maaßhaltens zu üben: natürlich entstand daraus, daß sie trotz ihrer großen Gutmüthigkeit oft vollkommen ungerecht sein konnte. Sie war ohne die Leitung einer Mutter