Chapter

Von der Müdigkeit der Seele

Deine große Müdigkeit, Seele, das ist es, was mir nicht gefällt. Deine Müdigkeit ist so dunkel, als müßtest du in einen Abgrund steigen, und dann in noch einen, und mit dem Blick den dritten ergründen, vor dem du schauderst, so kalt, so schwarz ist er, und wie deine Hand, dir voran, hinunter greift, da fühlt sie schon Totengebeine darin, von denen, die vor dir hinabgestiegen sind und nie wieder das holde Licht geschaut haben. Deine Müdigkeit will Erfahrung heißen; deine Müdigkeit glaubt die Menschen zu kennen. Deine Müdigkeit meint zu wissen, was die Vergangenheit bedeutet hat. Und du begreifst nicht, daß du in Dunkelheiten tastest, in engen, schwarzen Dunkelheiten, daß dir Vergangenheit sich ebenso verhüllt wie das, was du Zukunft nennst. Aber, Seele, es gibt ja nicht Vergangenheit und Zukunft, es gibt nur eine grobe Ewigkeit, in der du ein Teil bist, ein Goldkörnchen, ein leuchtender Funke. Was willst du denn in Nächten? Was sprichst du denn von Müdigkeit, bevor es an der Zeit ist für dich, müde zu sein? Dein Los ist dunkel? Warum eben solltest du es aus eigner Kraft und eignem Glanz erhellen. Deine Arbeit ist schwer? Was ist denn das für Arbeit, die leicht ist? Man würde nicht sagen: »Arbeit«, wenn es leicht wäre, und: »Müde«, wenn es stets Freude wäre. Du bist zu kleingläubig, Seele, darum schaust du immer zurück und erstarrst an deinem eignen Unglück, an allem, was dich

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