Früchte der Heimat
»Herr Doktor, wie steht's mit dem Gruber?« fragte Schwester Rosa, als der Spitalarzt sich anschickte, die Treppe hinabzusteigen. Er besann sich nicht gleich. »Gruber...? Wie...?« »Aus Nummer zehn. Bett gleich links neben der Türe«, kam die Pflegerin dem Gedächtnisse des Arztes zu Hilfe. »Ach der...! Dem geben Sie nur, was er haben will, dem ist nicht mehr zu helfen. Miliartuberkulose... Seien Sie ein bißchen vorsichtig, Schwester.« »Gewiß. Aber wie lange meinen Sie...?« »Ja, das kann man nicht sagen«, unterbrach sie der Arzt achselzuckend. »Der Kranke dürfte erblich belastet sein, und solche halten länger aus als andere. Andererseits ist etwas Herzschwäche vorhanden. Da kann's oft plötzlich aus sein.« Und er ging. Unter den weltlichen Pflegerinnen des großen städtischen Spitals war Schwester Rosa die einzige, die Religion hatte. Dafür war sie aber auch tiefreligiös. Ihr Wunsch wäre es gewesen, Barmherzige Schwester zu werden, aber die Eltern verweigerten ihr die Zustimmung. Nun, vielleicht war sie gerade hier am Platze, wo niemand sonst neben dem Leibe auch der Seele achtete. Leonhard Gruber hatte von Anfang an ihr Interesse erregt. Ein kluger Kopf, wohl ziemlich verworren, aber du meine Güte, wie sollte ein Wiener Schustergeselle anders sein? Und er hatte ein gutes und bis zu einem gewissen Grade auch gerechtes Urteil, hatte Interessen, die man sonst bei Ungebildeten nicht