1. Kapitel.
Friede Sörrensen stand neben dem Tor, das aus dem Hofe der großen Molkerei ins Freie führte. Sie ließ die Milchwagen an sich vorüberfahren. Einer nach dem andern rollte den breiten Fahrweg hinab, der sich zwischen Wiesen und Wald bis zu den ersten Häusern der Provinzhauptstadt L. hinzog. Friedens scharfen Augen wäre nicht die kleinste Unregelmäßigkeit an den vor Sauberkeit blitzenden Wagen entgangen bei dieser Parade. Die in blauen Leinenkitteln sehr adrett aussehenden Kutscher und Austräger rückten sich auf ihren Sitzen stramm zusammen, wenn sie an der Herrin der Molkerei vorüberfuhren. Als der letzte Wagen hinaus war, sprang ein Knecht herbei, um das Tor zu schließen. Friede sah den Wagen nach, bis die Torflügel die Aussicht hemmten. Noch einmal sah sie die Dächer der Stadt im Frühsonnenschein aufblitzen, dann war die Aussicht versperrt. Aber durch die klare Luft drangen, wenn auch nur schwach vernehmbar, die Klingeln herüber, welche Köchinnen und Hausfrauen auf das Nahen der Milchwagen aufmerksam zu machen hatten. Friede Sörrensen steckte befriedigt das bereitgehaltene Notizbuch in eine Ledertasche, die am Gürtel ihres einfachen, aber tadellos sitzenden grauen Leinenkleides befestigt war. Sie hatte keinen Anlaß gefunden, eine Rüge zu notieren. Langsam ging sie über den großen Hof, der einem Gutshofe glich. Friede öffnete rechter Hand eine Tür. Sie führte zur Küche, einem