Erstes Buch
Bester aller Leser, ich führe dich in ein Haus in Berlin, in der jetzigen Königgrätzer Straße, die zu jener Zeit noch Hirschelstraße hieß; über den Hof, in den dritten Stock; in ein Zimmer, das dir ohne meine Hilfe selber sagt, wes Geistes Kind darin wohnt. Wenn vier Wände voll Kupferstiche und Photographien nach den berühmtesten Gemälden der Welt, wenn einige Dutzend Gipsabgüsse nach der Antike, wenn Reliefs, Statuetten, Bildermappen, Schnitzwerke, künstlerische Geräte jeder Art, jedem Quadratzoll freien Raumes aufgenötigt, wenn die Unmöglichkeit, sich zwischen diesen tausend schönheitsfrohen Hindernissen gefahrlos hindurchzuwinden – wenn dies alles das Dasein eines Kunstfreundes verkündigen kann, so bist du dessen hier nach dem ersten Blick gewiß. Als ein Mensch von Geist – für den ich dich halte – siehst du nach dem zweiten Blick, daß dieser Kunstfreund eine auffallende Vorliebe für Raffaels frühere Madonnen und zugleich für Rembrandtsche Radierungen hat; und du erlaubst dir daraus zu schließen, daß vermutlich zwei Seelen in seiner Brust wohnen, von denen die eine nach der zarten Grazie des Südens, die andere nach dem derben Humor des Nordens zeigt. Trittst du alsdann auf den Balkon, der sehr liebe- und sinnvoll in einen kleinen Garten verwandelt ist, doch aus dessen Nachbarschaft alle Spätzchen und Tauben, sobald nur der Türgriff sich regt, in wahrer Todesangst aufflattern,