Chapter

I.

Die kleine märkische Stadt S. liegt mittwegs an Eisenbahnstrecke Berlin–Breslau. Schon seit fünfzig Jahren klagen die Einwohner darüber, daß S. stillstehe oder zurückgehe. Eins ist gewiß, daß die Zahl der Einwohner in der letzten Zeit sich nicht vermehrt hat. Die ältesten Leute wissen von schöner Vergangenheit der Stadt zu berichten, als das Kreisgericht noch da war und die Garnison, ein Füsilier-Regiment, die sogenannten Zwölfer, weil sie die Zahl 12 auf den roten Achselklappen trugen. Fünfzehntausend Einwohner zählte man vor Jahrzehnten und zählt man noch heute, mal ein paar mehr, mal weniger. Es ist in Deutschland vielleicht der einzige Ort, wo es keine Wohnungsnot gibt. Draußen vor den Toren liegt, von hohen roten Mauern umgeben, ein großer Komplex von Backsteinbauten mit vergitterten Fenstern. Das ist die Provinziallandesirrenanstalt, im Volksmunde die »Drehscheibe« genannt, weil hier die in Unordnung geratenen Menschenhirne der Mark Brandenburg wieder ins rechte Gleis zurückgebremst werden sollen. Diese Drehscheibe hat übrigens mit der nachfolgenden Erzählung nichts zu tun. Es sei ihrer nur als, so ziemlich der einzigen, Sehenswürdigkeit des Ortes gebührend Erwähnung getan. Schlägt man das Konversationslexikon auf, so erfährt man, daß der liebe kleine Ort eine Anzahl Tuchfabriken und Leinwebereien enthält; so und so viel Evangelische, Katholiken und 45 Juden, eine

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