Chapter

Vorwort

Ich kannte die Geschichte ihres Lebens nur in den großen Zügen. Und so – skizzenhaft umrissen – sollte sie eine Episode meines Romans »Opfer« bilden. Ein Vorhaben, das ich gern fallen ließ, als ich in den Besitz der ausführlichen Schilderung ihrer Schicksale gelangte, die sie der treuen Pflegerin in die Feder diktiert hatte, und zu deren Herausgabe mir die Autorisation wurde. Eines weiteren Kommentars bedürfen diese Bekenntnisse nicht. Über die Ursache des Todes der merkwürdigen Frau sind wir nicht genauer unterrichtet und auf Vermutungen angewiesen. Er erfolgte ungefähr einen Monat nach dem Schluß des Diktats, unmittelbar auf den Zusammenbruch des Bankhauses Bielefelder & Sohn, den, wie man sich erinnern wird, der famose Millionendiebstahl seines ersten Kassierers nicht sowohl einleitete als besiegelte. Neben vielen andern ging dabei auch ihr Vermögen völlig verloren. Ich weiß nicht, ob die Stolze, nachdem sie so lange Jahre hindurch die Wohlthäterin zahlloser Armer gewesen, es ertragen hätte, nun ihrerseits der Mildherzigkeit der privaten, wohl gar der öffentlichen Armenpflege anheimzufallen. Aber ich bin überzeugt: mit der Möglichkeit, weiter, wie bisher, in ihrer großherzigen, königlichen Weise helfen zu können, wäre der Dulderin der letzte karge Wert ihres Lebens entschwunden. So mag es gar wohl sein, daß sie, wie sie frei geboren war, auch frei gestorben ist. Fr. Sp.

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