I.
In das Hans des Meisters Matthie aus Göttweih war ein fremder Ritter eingekehrt. Meister Matthie übte die löbliche Heilkunst aus und führte mit Ehren den Namen eines Magisters. Als solcher war er nicht nur in Graz, wo er hauste, sondern auch in den andern Städten der alten steirischen Mark rühmlich bekannt. Dieser gute Ruf hatte auch den fremden Ritter bewogen, sich ihm als Arzte anzuvertrauen. Er war nur mit Geleite eines Knechtes gekommen und hatte diesen alsbald wieder verabschiedet. Beider Gewandung erschien einfach, aber die Rosse, die sie ritten, waren edel, und Sattelzeug und Decke so beschaffen, wie sie mit Fug ein vornehmes 4 Geschlecht führte. Das Übel, dessen Heilung er Meister Matthies Kunst anvertraute, war seltsamer Art. Von fester wohlgebauter Gestalt, wie er sich sonst zeigte, trug sein Leib nur einen Fehl: er hatte einen ungefügen Mund. Statt zweier Lippen, wie andere gute Männer, hatte er deren drei, nämlich die Oberlippe war doppelt. Dieses Versehen, welches die Natur an ihm verübte, wollte er durch Meister Matthie wieder gut machen lassen; und der hatte ihm den Monat Mai als einzig heilsam für die ärztliche That bezeichnet. So war er im Lenzmonde in die alte Stadt an der Mur gekommen. Draußen lachte der Sonnenschein auf den Gassen und beglänzte die schmalen hochgegiebelten Häuser, und er mußte wie ein Gefangener in enger Haft sitzen. Aber es war ein kühner