Die Chronik Der Voss
Die Chronik der Familie Voss lag in einer feuerfesten Truhe im Keller, und allein diese Tatsache hätte Iris alarmieren sollen. Ihre Mutter öffnete die Truhe mit einem Schlüssel, den sie an einer Kette um den Hals trug, und zog ein Buch hervor, dessen Seiten aus dünnem Metall bestanden — Papier hätte die Generationen nicht überlebt, nicht bei einer Familie, in deren Adern buchstäblich Feuer floss.
Die Aufzeichnungen reichten siebenhundert Jahre zurück. Jede Generation hatte einen Chronisten hervorgebracht, der in knappen, nüchternen Sätzen die Gabe dokumentierte: wann sie erwachte, wie sie sich manifestierte, und — in erschreckend vielen Fällen — wie sie den Träger zerstörte. Unkontrolliertes Feuerblut hatte Häuser niedergebrannt, Wälder in Asche verwandelt, Menschen zu lebenden Fackeln gemacht. Iris las die Einträge, und mit jedem umgeblätterten Metallblatt wuchs die Kälte in ihrem Magen, während die Hitze in ihren Händen dagegen ankämpfte.
Ein Eintrag fiel ihr besonders auf, geschrieben von einer Ahnin namens Margarethe Voss im Jahr 1687: *Die Flamme ist nicht der Fluch. Der Fluch ist die Angst vor der Flamme. Wer sein Feuerblut fürchtet, wird von ihm verschlungen. Wer es annimmt, wird zur Schmiede.* Iris las den Satz dreimal und wusste, dass er die Wahrheit sprach — aber Wahrheit und Mut sind verschiedene Dinge, und sie war sich nicht sicher, ob sie genug von beidem besaß.