Chapter

Felix

Felix. Novelle von Karl Theodor Schultz. Herr Felix von Pranten, seit Kurzem wohlbestallter Hülfsarzt an der Augenklinik des Doctor Pflummern in Cleebronn, saß heute ganz wider seine Gewohnheit nachdenklich am Fenster. Neben ihm lag zwar Ruete’s Lehrbuch der Ophthalmologie, augenscheinlich aber – darauf deutete die unberührte Lage Staub auf dem Deckel hin – hatte er das Buch noch nicht geöffnet. Die an dem jungen Mann befremdende Stimmung konnte also nur ein Artikel der Zeitung hervorgerufen haben, die er in der Hand hielt. Plötzlich aufspringend, maß er das Zimmer mit großen Schritten. Nach ein paar Rundgängen trat er an das Fenster zurück, hob den guten, zu Fall gekommenen Ruete auf und nahm die Zeitung von Neuem vor. Halblaut las er folgende Anzeige: Wer geneigt wäre, einer Blinden – wöchentlich an drei Nachmittagen – vorzulesen, wolle sich Frauengasse Nr. 18 melden! Gutes, verständnißvolles Lesen ist Bedingung. „Frauengasse 18 – 18!“ wiederholte er, „das ist sie.“ Wieder begann das ruhelose Wandern. Vielerlei Gedanken, die sich bald zu Plänen entwickelten, kreuzten durch Pranten’s Kopf. Vor einigen Tagen war nämlich eine junge Dame von auffallender, lichter Schönheit in der Klinik gewesen: sie hatte ihn sofort auf’s Lebhafteste gefesselt, und um so tiefer, als sich bei der Untersuchung herausgestellt, daß die Art ihres grauen Staares selbst bei einer glücklichen Operation

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