Chapter

Kapitel 1

Eine Holzbrücke schwingt sich über die Reif, den krystallklaren Fluß, der zwischen Waldhügeln hervor in die offene Thalmulde plaudert. Sie verbindet die Abtei und das Dorf Reifenwerd. Stimmungsreich erhebt das ehemalige Kloster seine Doppeltürme und Giebel südlich vom scheunenthorartigen Eingang der Brücke aus mächtigen Baumkronen, und neugierig ragen die leichten, spitzen Dachreiter über das unregelmäßige Viereck roter Hohlziegeldächer. Unter den weit ausgreifenden Aesten der Linden hindurch sieht man das mächtige, altersgraue Thor mit der kleinen Pförtnerei, und nur wenig zurück erhebt sich, von Strebepfeilern gestützt, die hohe, dreischiffige Kirche, ein einfacher gotischer Bau aus dem dauerhaften Grausandstein der Gegend. Ueber die Ecken der niedrigen Seitenschiffe steigen die Türme, die indessen, nur wenig über den hohen First des Mittelschiffes geführt, nicht in ihrer ursprünglichen Anlage vollendet worden sind, sondern mit Spitzhelmen abschließen, deren blau und weiß glasierte Ziegeldächer hell in die Sonne leuchten. Aus den Quadern des einen Turmes schaut unmittelbar unter dem Helm ein stark verwittertes Bildnis, das eine Krone trägt, hinüber zur Brücke und zu der Ruine Reifenloh, einem alten Turm mit geborstenen Mauerzähnen, welcher sich auf dem Buchenhügel über der Brücke und den ersten Häusern des Dorfes erhebt. Das verwitterte Bildnis ist die »Frau von Reifenwerd«,

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