Der Spreewald
Der Spreewald war im Frühling am schönsten und im Herbst am ehrlichsten. Johanna kannte beide Seiten, denn sie war hier aufgewachsen, in einem Dorf, das so klein war, dass es auf den meisten Karten nicht einmal einen Namen hatte, nur einen Punkt, der zwischen den Wasserarmen der Spree lag wie eine Insel in einem Delta. Sie war weggezogen, zum Studium, zum Referendariat, und nun war sie zurück, als Lehrerin an der Grundschule, die sie selbst besucht hatte.
Die Kinder erzählten Geschichten. Das taten Kinder immer, aber die Kinder im Spreewald erzählten andere Geschichten als die Kinder in der Stadt — Geschichten von Lichtern über dem Wasser, die keine Laternen waren, von Stimmen im Schilf, die den Wind nachahmten, von kleinen Gestalten, die zwischen den Erlen huschten und verschwanden, wenn man sie direkt ansah.
Johanna hatte diese Geschichten als Kind selbst erzählt und als Erwachsene vergessen. Aber als sie eines Abends im Oktober am Fließ stand und den Nebel beobachtete, der vom Wasser aufstieg, sah sie etwas, das sie zum letzten Mal mit sechs Jahren gesehen hatte: Ein Licht, klein und golden, das zwischen den Bäumen tanzte, und in dem Licht eine Gestalt, so zart und durchscheinend wie die Flügel einer Libelle.