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Etiquette. Eine Rococo-Arabeske

Die alten Götter sind todt – der Glaube ist verschwunden von der Welt. Es ist nicht lange her, daß eine der Aufgeklärten bei einem Souper der alten blinden Doyenne französischer Blaustrümpfe, Madame Dudeffand, Voltaire verächtlich der Bigotterie geziehen hat mit den Worten: „Ah c’est un dévot, c’est un déiste!“ Ja, die alten Götter sind todt, aber ein Fetisch ist übrig geblieben – ein Fetisch, dem die Besten und Bösesten, die Klügsten und die Dümmsten fast mit derselben willigen Ergebenheit noch Blut und Glück und Selbstachtung opfern – die Etiquette! Auch ihre Macht ist verringert; Tyrannin über die Tyrannen, ist ihr Ende nah. Wie soll sie weiter leben in diesem Jahrhundert der Willkür und der Laune! Die Stunde wird kommen, wo eine Königin selbst in kühnem Jugendübermuthe ihr die Waffen aus der Hand reißen und somit vollbringen wird, was der Dirne Du Barry nicht geglückt. Entwaffnet durch eine Königin, verhöhnt, verlacht und verspottet, wird sie zusammenbrechen zu Füßen eines Thrones, dessen letzte Stütze sie war. Heute aber steht sie noch fest, wächst sie mit der Feierlichkeit der Sachlage. Sie hat ja immer viel zu schaffen gehabt, so einer der Großen dieser Welt im Sterben lag, wie es der Fall ist in der Zeit, da unsere Geschichte beginnt, Anfangs Mai anno domini 1774. – Ludwig XV. – Ludwig „der Vielgeliebte“ – mit welch’ grausamer Ironie der Name, den ihm vor nunmehr vollen

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