Einleitung
Der vorliegende Band ist ein Versuch, Stendhal, einen unbedingt kennenswerten Franzosen, den deutschen Lesern durch ausgewählte Abschnitte aus verschiedenen seiner Werke als Essayisten zu charakterisieren. Wenn dieser Franzose sicherlich vor Friedrich Nietzsche höchstens auf zwei oder drei Deutsche unmittelbar Einfluß ausgeübt hat, so wissen wir doch, welche offene oder heimliche tiefe Wirkung er auf die führenden Geister Frankreichs gehabt hat, denen wiederum ganz Europa auf den Gebieten aller Künste seine Modernität verdankt. Hippolyte Taines »Philosophie der Kunst«, dieses Fundament unserer heutigen Ästhetik, wäre nie geschrieben worden ohne die Liebe und das Verständnis des Verfassers für die Ideen Stendhals, insbesondere nicht ohne die durch das Studium von Stendhals »Geschichte der Malerei in Italien« gewonnene Anregung. Seit man weiß, daß einer der großen Romane Stendhals die Lieblingslektüre des Zarathustraphilosophen und daß nicht nur Stirner, sondern auch Stendhal sein deutlicher Vorläufer gewesen ist, kennt und schätzt man diesen in Deutschland als einen der merkwürdigsten Romandichter der Weltliteratur und als unerreichten Renaissancenovellisten. So ist er unlängst über den Rhein zu uns gekommen fast wie eine zeitgenössische Erscheinung und man ist höchst verwundert, wenn man vernimmt, daß bereits Goethe im Jahre 1818 Stendhals Erstlingswerke gekannt und noch in der