Festrede bei der Smidtfeier
Festrede, gehalten bei der Smidtfeier im Künstlerverein zu Bremen am 5. November 1873 von Bürgermeister Gildemeister. »Vor hundert Jahren!« das sagt man leicht über die Lippen weg. Aber je älter die Welt wird, desto mehr will das bedeuten. Von je her hat den Jahrhunderten die Macht innegewohnt, zahlloses Leben nicht allein zu zerstören, sondern auch das Gedächtniß des Zerstörten zu vertilgen. Immer war es die ungeheure Mehrzahl der Geborenen, welche im Laufe eines Säculum klanglos zum Orcus hinabsanken, und ihre Stätte kannte sie nicht mehr. Aber stets größer wird diese Sterblichkeit der Namen, je bewegter und rascher das Leben der Menschheit selbst wird, immer kleiner die Zahl derjenigen, deren Andenken festzuhalten das Zeitalter Zeit behält. Wenn der Name Johann Smidts dem gemeinen Loose des Vergessenwerdens entgeht, so kann man wahrlich nicht sagen, das Zeitalter, in welchem er lebte, habe es ihm leicht gemacht. Denn niemals, so lange die Welt steht, hat die Menschheit so bewegt, rasch und in gewaltigem Fortschreiten gelebt, wie in dem Jahrhundert, welches zwischen der Geburt des Mannes, dem unsere Erinnerungsfeier gilt, und diesem heutigen Tage liegt. Man sagt es leicht: »vor hundert Jahren,« aber die Phantasie muß sich anstrengen, wenn sie erfassen will, was alles in diesen Worten liegt. Wir lernen in den Schulen, daß die Welt ihr Angesicht veränderte, als die