Chapter

Ermenegildens Flucht

»Großer Gott – wie hübsch sie ist! ...« In diesen Ausruf brach Dr. Reding aus, als er eine Photographie erblickte, die dem eben erbrochenen Briefe beilag. Edmund Reding war ein junger Arzt, der den Wunsch hegte, sich zu verheiraten, dem es aber – wie die gebräuchliche Phrase lautet – an Damenbekanntschaft mangelte und der als Ergebnis dieser beiden Umstände »einen ernstgemeinten Heiratsantrag« hatte inserieren lassen. In dem kleinen mährischen Städtchen – mehr Dorf als Stadt – in welchem Dr. Reding als Bezirksarzt angestellt war, konnte er wahrhaftig keine passende Partie finden. Die Töchter des Landes waren hannakische Bauernmädchen oder bildungslose Krämerfräulein; die stolzen Baronessen im Schlosse waren natürlich nicht mitzurechnen, denn zu diesen durften sich die bürgerlichen Augen des Landarztes nicht erheben. Ins Schloß wurde er überhaupt nur für Dienerschaftskrankheiten berufen: brach eine freiherrliche Migräne, ein herrschaftlicher Schnupfen oder ein hochwohlgeborenes Nervenleiden aus, so ward ein Herr Medizinalrat aus Wien herbeitelegraphiert. Auf das betreffende Inserat waren ziemlich viele Antworten eingelaufen. Da Vermögen als zwar erwünscht, aber nicht als unumgänglich erfordert erwähnt worden, so meldete sich eine Schar von Kirchenmäusen. »Auf Bildung wird der größte Wert gelegt« hatte zur Folge, daß die meisten Kandidatinnen große Fertigkeit auf dem Klavier

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